Out of Order

Nach langen Jahren des Bloggens ist hier jetzt erst einmal Schluss. Bevor dies ein Blog wird, der langsam aber sicher stirbt soll er lieber proaktiv in die offizielle Pause gehen. Ob es irgendwann weitergeht, weiß ich noch nicht. Gelöscht wir hier aber natürlich nichts. Danke für euer lesen, kommentieren und die sonstige Teilhabe an meinem virtuellen Gedächtnis.

 

Kurzer Hinweis: European Podcast Award

Nachdem wir letztes Jahr mit dem KaffeePod den European Podcast Award gewonnen hatten, wurde ich dieses Jahr gefragt, ob ich Mitglied der Jury werden will. Trotz knapper Zeit (wie man an diesem Weblog deutlich sieht…) wollte ich es mir nicht nehmen lassen, die verschiedenen Einreichungen zu begutachten. Es waren wirklich sehr unterschiedliche Produktionen, die es zu bewerten galt. Ich habe versucht nach besten Wissen und Gewissen zu urteilen. Das Gesamturteil steht aus – bisher wurde ich zumindest noch nicht informiert und das Weblog zum EPA gibt auch nicht mehr Informationen preis. Nun warte ich jedenfalls gespannt, ob es meine Favoriten (die ich natürlich hier noch nicht verraten kann) auch unter die Top-Platzierten schaffen. Abwarten und Podcast hören.

Hands on.

Frauenzeitschriften sind ein Phänomen für sich: Gedankenloses blättern durch farbige Modeseiten (in diesem Herbst ein must-have: rot), akurate Wochenplanung mit astrologischen Weisheiten und die immer wieder sterbende Hoffnung, die „simpelste fünfstöckige Polenta-Tonkabohnen-Ratatouille Trilogie, die Sie je gesehen haben“ nachkochen zu können. Unbezahlbar. Aber es gibt Momente, da greifen selbst die seichtesten Magazine einen interessanten Gedanken auf. So geschehen gestern, als ich in der Glamour die Ergebnisse dieser Umfrage las, die danach fragte, ob es okay ist…

Die Handschrift ist es etwas sehr persönliches und obwohl es der Effizienz sicherlich dienlich ist, Nachrichten per PC o.ä. zu verfassen –  der Effekt einer handgeschriebenen Nachricht ist viel größer. Würde ich Geburtstagskarten von meinen Freunden in meinem Briefkasten finden, die mit dem Drucker statt hangeschrieben wurden – ich wäre enttäuscht. Falls also jemand plante, dies im nächsten Jahr zu tun: just don’t. Und im Grunde ist es erschreckend, dass ich einige meiner Kollegen oder Bekannten nicht an der Handschrift erkennen würde! Ganz einfach deshalb, weil ich in seltensten Fällen etwas handgeschriebenes von ihnen zu Gesicht bekomme. Abgesehen von Unterschriften oder kurzen Notizen ist es heute möglich, sich komplett auf digital erstellte Aufzeichnungen zu verlassen: Ob auf dem Rechner, dem Smartphone oder sonstwo – Handgeschriebenes kommt aus der Mode. Dabei ist die eigene Handschrift meines Erachtens nach ein starker Ausdruck der Persönlichkeit. Im Laufe des Erwachsenwerdens verändert sich die Schrift, wird gleichmäßiger oder immer unleslicher – sie ist und bleibt doch distinktives Erkennungszeichen eines jeden Einzelnen. Stunden habe ich als Jugendliche damit verbracht, meine eigene Unterschrift (, die ja auch Teil der Handschrift ist) zu üben und zu „perfektionieren“. Manche können auch in späteren Jahren eine „Teilüberarbeitung“ ihres Ichs vornehmen, wenn sie z.B. beschließen zu heiraten und den Namen des Partners anzunehmen (ja, diese geschlechtsneutrale Formulierung ist bewusst gesetzt). Aber die handgeschriebene Unterschrift wird hoffentlich nicht so schnell alternativen Authentifizierungsmethoden, wie Fingerabdruck etc. weichen – zumindest würde ich mir das für persönliche Nachrichten wünschen. Hmm… ich glaube ich muss mal wieder einen Brief schreiben, oder zumindest eine Karte – damit meine Freunde nicht vergessen, wie meine Schrift aussieht.

Wirtschaft vs. Wissenschaft

Seit zwei Monaten (unfassbar!) bin ich nun also in den „Klauen der Wirtschaft“ (ich glaube so oder ähnlich hat es Gabi mit einem Augenzwinkern mal ausgedrückt, ich will sie aber nicht falsch zitieren, deshalb liegt die Betonung auf  „ich glaube“) und ich muss sagen: Mir gefällt es sehr gut!

Es ist schon etwas anderes, wenn man für die tägliche Arbeit relativ zeitnah und unmittelbar Feedback vom Kunden oder vom Team erhält.  In der Wissenschaft arbeitet man oft Wochen, Monate oder Jahre auf ein Ergebnis hin, von dem man oft auch zudem gar nicht weiß, wie das im Detail aussieht. Ergebnisorientierung liegt beiden Disziplinen zugrunde, aber der zeitliche Fokus ist m.E. doch stark unterschiedlich. Was mir gut gefällt, sind die gefühlt kürzeren Entscheidungswege und -zyklen. Während man an der Uni zu großen Teilen auf das Schreiben von Anträgen angewiesen ist, wo man heute festlegt, welche Ressourcen man für ein potenzielles Projekt in X Monaten braucht, passiert es mir in meiner derzeitigen Arbeitsstelle oft, dass ich morgens etwas plane oder vorschlage und zwei Stunden später in die konkrete Umsetzung gehen kann. Einschränkend muss man natürlich sagen, dass es auch vom Unternehmen und den dortigen hierarchischen Strukturen abhängt, wie Entscheidungen getroffen werden. In anderen Firmen können Entscheidungsprozesse wahrscheinlich noch länger dauern, als die Antragstellung bei der DFG o.ä. Institutionen.

Auch der konkrete Ablauf eines Arbeitstages hat sich doch ganz schön geändert: An der Uni kann man gerne mal einen ganzen Tag denkend über einem Blatt Papier verbringen und sich seinen Gedanken zu Problemstellungen hingeben. Mein jetziger Arbeitstag ist dagegen geprägt von Meetings, Telkos, Kundenterminen und Projektsteuerung. Beide Formen des Arbeitens haben ihre Berechtigung. Jetzt werden sicher die Kollegen aus dem Wissenschaftsbereich einwerfen, dass sie genauso Skype-Konferenzen etc. abhalten. Kenne ich ja alles gut. Aber mit der Intensität und der Zielorientierung (Zeit ist Geld 😉 ) wie ich es jetzt kennengelernt habe, ist das allerdings nicht zu vergleichen.

Aber in meinem Herzen bin ich natürlich immer noch stark mit der Wissenschaft verbunden, auch wenn mir im Alltag (gerade jetzt in der „Neuorientierung“) ein bisschen die Zeit fehlt. Deshalb habe mich aber sehr gefreut, dass ich durchaus meine Kompetenzen aus meinem „Wissenschafts-Alterego“ im Berufsalltag anwenden kann (u.a. habe ich ein Usability Lab organisiert). So kann ich beide Leidenschaften verbinden und verliere nicht komplett den Anschluss zu Forschung und Lehre.

Nord-Süd-Gefälle?

In der neuen (permanenten) Bleibe angekommen, kann hier so langsam der Alltag wieder einkehren. Dabei ertappe ich mich, wie ich meine Kollegen mit „Moin!“ grüße, statt Guten Morgen zu sagen…Ist das eine Form von Integration? Wahrscheinlich. Nachdem ich verwirrte Blicke erntete, als ich mit einem „Morgen!“ ins Büro gestiefelt bin, habe ich mich an die Lektionen des „Lernen duch Beobachtung“ (–> Bandura) erinnert und geguckt, wie es denn die anderen Kollegen machen. „Moin“ erwies sich bei den anderen als das Schlüsselwort für ein Lächeln am Morgen. Am nächsten Tag habe ich das gleich ausprobiert. Tadaaaa! So einfach kann das sein. 🙂

Es sind die Kleinigkeiten, die den Norden vom Süden trennen. Man muss permanent die Augen aufhalten, um die Unterschiede zu sehen. Ein Beispiel: Irgendwann fragte ich mich, ob es denn irgendwo in Hamburg auch Fenster mit Rolladen gibt. Ohne Witz, ich habe noch keine einzige Bude gesehen, die so ausgestattet war. Ich sprach meine Kollegin an, ob es eventuell sein könnte, dass hier Rolläden nicht so üblich sind. Wieder verwirrte, dann nachdenkliche Blicke, dann: „Stimmt. Ist mir noch nie aufgefallen.“ (Btw: Irgendwie musste ich an Holländische Wohnzimmer denken…) Warum das so ist, konnte sie mir auch nicht erklären. Wenn jemand eine Lösung weiß, bitte ich um Aufklärung.

Mit einem Mythos möchte ich noch aufräumen: Angeblich ist es im Süden ja wettertechnisch immer sooooo viel schöner als im Norden. Also…ich weiß ja nicht, aber bis auf zwei heiße Wochen, habe ich einen eher bescheidenen Sommer 2010 im Süden in Erinnerung. Okay, noch ist nicht Sommer, aber es hat seit mindestens 2 Wochen nicht einen Tropfen in Hamburg geregnet. Stattdessen: Sonne pur. Das mag vielleicht an der allgmeinen Hochwetterlage liegen, aber aus sicheren Quellen wurde mir von grauer Suppe in der Heimat erzählt. Es gilt wohl –  wie so oft – die Aussage: Pauschalurteile helfen nur bedingt. Und als Beweis gibt es ein Foto von der Elbe…

Neuentdeckungen.

Jetzt bin ich also hier in der neuen Stadt und im Moment fühle ich mich, als hätte irgendjemand den Turbogang in meinem Leben eingeschalten. Drei Wochen im neuen Job sind fast vorbei und außer zum Arbeiten und zum Schlafen bin ich noch nicht zu sehr viel gekommen. In meinen freien Phasen bin ich gut mit dem Organisieren meines Umzugs beschäftigt. Ich will ja hier wirklich nicht wieder die Story vom Telefonanbieter erzählen, aber mir scheint, dass man da PER SE Ärger hat, insofern es eigentlich auch egal ist, wen man sich aussucht. Ist quasi die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Viel lieber möchte ich eigentlich davon berichten, was ein Wohnortwechsel so mit sich bringt. Ich habe ja immer behauptet, dass ich in Augsburg quasi jeden Pflasterstein kenne, und das hat mich ehrlich gesagt ziemlich genervt. Die Heimat ist wirklich wunderschön, aber ich stelle jetzt wieder fest, dass es dem Menschen ganz gut tut, neue Eindrücke zu gewinnen. Vor allem nimmt man diese neuen Eindrücke ganz anders und viel bewusster wahr. Am Samstag bin ich auf einer meiner fröhlichen Erkundungsfahrten durch Billstedt gefahren. Ist in Hamburg nicht  gerade ein beliebter Stadtteil, liegt aber zwischen Möbelhaus und meinem derzeitigen Wohnort. Fliegen kann ich noch nicht (ich arbeite hart daran 😉 ) und deshalb gings quer durch diesen Stadtteil. Und was sehe ich: Einen Rübezahlweg, eine Prinzenstraße, einen Rosenrotweg, Aschenputtelstraße…Wie cool ist das denn?? Und da musste ich mich schon fragen, warum mir das daheim gar nicht mehr auffiel. Gibt es denn zuhause auch so schöne Straßennamen? Ich weiß es nicht – irgendwie war es auch nicht so wichtig. Aber dadurch, dass hier quasi alles neu ist und man jeden neuen Eindruck gleich anders verortet, nehme ich solche Kleinigkeiten viel stärker auf. Der Vergleich hinkt sicher, aber es ist fast wie ein Blinder, der auf einmal wieder Farben sehen kann und sich an Sachen, die wir anderen täglich sehen, erfreuen kann, wie ein Kind an Weihnachten. Jetzt muss ich mir nur noch vornehmen, dass ich diese täglichen Neuentdeckungen nicht wieder zu Selbstverständlichkeiten „verkommen“ lasse! Aber ich denke, bei dieser großen Stadt, ist zumindest die Chance  größer, dass es länger dauert, bis eine Art Sinnessättigigung eintritt! Ich werde mich jedenfalls weiter beobachten – und alles um mich herum auch…

Januar! Noch ein Rückblick.

Ich weiß, ich weiß, im Moment wirke ich sehr in der Vergangenheit verhaftet…ist aber gar nicht so. Eigentlich stehen die Zeichen mehr auf Neubeginn – ich mag es nur ganz gerne, wenn man Dinge geklärt und möglichst vollständig zu Ende bringt. So auch das EU-Projekt, das ich nun zwei Jahre betreut habe.

Aus, vorbei…der Final Report ging in dieser Woche nach Brüssel, wo er nun begutachtet wird. Insgesamt eine gefühlte Tonne Papier (elektronische Versionen sind lediglich add-ons) wurden gedruckt, verpackt und endlich verschickt. Die letzten Wochen habe ich neben dem eigentlichen Schreiben des Berichts auch viel Zeit mit der Beruhigung der Nerven diverser EU-Partner („nein, dort brauchen wir keine Unterschrift zusätzlich“, „Ja, die Adresse, die auf dem Informationsblatt ist WIRKLICH die richtige.“) und natürlich vielen Anfeuerungsrufen verbracht. Diese zwei Jahre im Projekt haben mich rückblickend schon stark geprägt: Zum einen war ich gefordert,  mich in einen anfangs fremden Kontext, nämlich die Mathematik, einzudenken. Dabei war es auf jeden Fall eine spannende Erfahrung, zu sehen, wie Vertreter dieser Disziplin auf Probleme blicken und sie angehen. Man kann das sicherlich nicht verallgemeinern, aber ein sehr zahlenorientiertes und analytisches Vorgehen kann man durchaus erkennen und – angepasst auf die eigene Arbeitsweise – sicherlich gebrauchen. Aber der vermeintlich fremde Kontext war ganz bald nicht mehr fremd. Mit Common Sense und Offenheit gegenüber den Inhalten kann man vieles meistern – ansonsten darf man sich einfach nicht zu stolz sein, nachzufragen.

Eine zweite wichtige Erfahrung, war natürlich die Arbeit mit den Partnern. Wer mich kennt, der weiß, wie sehr ich mich für interkulturelle Zusammenhänge interessiere und somit war ich immer froh, viel von den Gepflogenheiten der anderen Länder im Projekt mitzubekommen. Erstaunlich, wie unterschiedlich die Gangart in den einzelnen Ländern und wie hoch der Bedarf an Information, Autonomie und persönlicher Bestätigung ist . Dabei kann ich übrigens nicht das Klischee des Südländers bestätigen, das teilweise eine sehr unprofessionelle Arbeitsweise impliziert. Im Gegenteil: Wenn ich eine Deadline gesetzt habe, dann konnte man wetten, dass z.B. Zypern pünklichst abliefert. Sehr löblich übrigens!

Was ich auf jeden Fall noch mitnehme, sind die Erinnerung an meine Reisen im Rahmen des Projekts. Ich hatte die Gelegenheit viele Konferenzen zu besuchen und dort Vorträge zu unseren Aktivitäten zu halten. Was das Reisen anbetrifft, hat man innerhalb von EU-Projekten wirklich gute Gelegenheit dazu, da die EU natürlich an einem aktiven Austausch mit anderen Nationen zur Dissemination (das Wort werde ich vermissen.. 🙂 ) interessiert ist. Und im Grunde ist es auch der Austausch mit anderen Personen vor Ort, der zum Weiterdenken und Vernetzen einlädt und fruchtbare Impulse für das eigene Projekt liefert. Zwei Jahre InnoMathEd sind vergangen wie im Flug. In dieser Zeit konnte ich tolle Leute kennenlernen, meine Grenzen austesten und mich inhaltlich, fachlich und persönlich weiterentwickeln. Jetzt verabschiede ich mich vom europäischen Parkett und versuche mich mal national ein bisschen weiterzuentwickeln. 😉 Ich hatte es ja schon im letzten Beitrag angekündigt…es wird viel passieren…näheres dann hier in Kürze. Nur soviel vorab: Meine Kategorie „Umzug“ wird Zuwachs bekommen.

Dezember! Zeit für den Jahresrückblick.

Gegen Ende des Jahres gehört es ja fast schon zum guten Ton, dass man eine kleine Selbstreflexion auf das zurückliegende Jahr vornimmt. Wenn man bloggt, dann hat man die Freiheit, diese Gedanken auch mit seiner Leserschaft zu teilen. Also grüble ich jedes Jahr aufs Neue, was mich in den letzten Wochen und Monaten bewegt und beschäftigt hat, welche Erfahrungen für mich wertvoll waren und bei welchen Dingen man froh ist, dass sie vorbei sind.

Als ich so über diesen Beitrag nachgedacht habe, ist mir ein Schlagwort nicht aus dem Kopf gegangen: Mut. Ich glaube, dieses Jahr war ein mutiges Jahr für mich. Viele Entscheidungen hätte ich vor zwei Jahren wahrscheinlich noch nicht so getroffen. Sei es privat oder beruflich – ich habe in 2010 gelernt, dass es gut tut, manchmal über seinen Schatten zu springen und etwas mutiges zu wagen. Nicht, dass ich vorher als ausgesprochener Angsthase bekannt gewesen wäre – aber Mut äußert sich m.E. nach auf viele Weisen. Wenn ich z.B. jemanden auf der Straße sehe, der in Not ist – dann finde ich es nicht mutig, dort zu helfen. Das ist eigentlich normal, würde ich sagen. Für mich hat Mut in diesem Jahr z.B. bedeutet, für mich selbst Entscheidungen zu fällen, von denen ich wusste, dass sie mit schwierigen oder komplizierten Konsequenzen verbunden sein können.  Wenn ich schon während meines Handelns weiß, dass durchaus eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass ich damit vorerst scheitere, es aber trotzdem tue, weil ich denke, dass es langfristig sinnvoll ist, dann ist das für mich schon mutig. Mut könnte also bedeuten, nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, sondern sich bewusst für den steinigen Pfad zu entscheiden, weil man hofft, dass am Ende ein nettes Plätzchen mit schönem Ausblick auf einen wartet.

Eine weitere Lektion aus 2010 ist auch, dass manche Dinge einfach länger dauern. Man kann im Leben nichts erzwingen. Natürlich soll und kann man sein bestes geben, um gute Ausgangsvoraussetzungen für einen idealen Handlungsverlauf zu schaffen – aber letztlich ist man immer Teil des Ganzen: Viele Entscheidungen, Prozesse, Taten sind an Personen, Institutionen und gesellschaftliche Vorgaben gebunden. Nur weil ich denke, dass etwas Sinn macht – und meine Wünsche oder Handlungen auch argumentativ untermauern kann – heißt das noch lange nicht, dass andere das genauso sehen. Oder genauso schnell. Oder jemals sehen werden.

Aber das muss ja nicht unbedingt schlimm sein. In der Zeit, in der die anderen noch über Pro und Contra nachdenken, hat man Zeit die Umgebung zu besichtigen, einmal durchzuschnaufen und sich neu zu orientieren. Vielleicht ergibt sich so eine Chance, an die man vorher gar nicht gedacht hätte, aber die nicht minder erstrebenswert ist. Vielleicht. Vielleicht hat man auch einfach ein bisschen Zeit mit nachdenken verbracht, was so schlecht auch nicht ist.

Falls sich der werte Leser gerade fragt, „auf was will sie hinaus?“. Gute Frage! Ich denk gerade noch darüber nach. Aber ich habe ja gelernt, dass ich das jetzt auch noch gar nicht wissen muss! Denn gut‘ Ding will Weile haben. Und da ich jetzt mutig bin, habe ich keine Angst diese Zeit auszusitzen. Ich bin wahnsinnig gespannt auf das neue Jahr. Irgendwie habe ich so das Gefühl, dass sich da eine Menge für mich verändern wird. Und Veränderung tut auch dem Gewohnheitstier oft ganz schön gut.

Von Schafen und Schäfern

Dies ist eine Geschichte von Schafen und Schäfern. Eigentlich aber auch ein bisschen von Kaninchen. Versuchskaninchen. Könnte man jedenfalls so sagen, nachdem Gabi, angeregt durch Reinhard Bauer, auf die Idee kam, eine Schreibwerkstatt im Kolloquium durchzuführen. Das genaue Konzept kann hier nachgelesen werden. Laut Zeitplan war ich die Erste, die dieses Experiment mitmachen durfte. Ich habe mich dazu entschieden, diesen Blogbeitrag prozessbegleitend zu schreiben – im Moment (17.09.10) ist es also nur ein Entwurf, der dann nach der Durchführung der Schreibwerkstatt mit allen Erfahrungen veröffentlicht wird.

Aber jetzt mal zum Schaf-Thema: Die Teilnehmer des Kolloquiums (a.k.a. Schafe) waren aufgefordert, sich einen Schäfer zu suchen, der sich bereit erklärt, einen Text zu reviewen. Das Ganze passiert in zwei Schlaufen bevor dann alle Doktoranden den verbesserten Text zur Vorbereitung geschickt bekommen. In der Präsenzsitzung wird dann darüber diskutiert.

Phase 1: Schäfer – Schaf

Ich habe mir Freddy als Schäfer ausgesucht. Zum einen, weil er mein selbsternannter Diss-Tandempartner ist (was ein guter Deal für mich ist, weil er seine Promotion schon lange abgeschlossen hat 🙂 ) und zum anderen, weil ich von ihm sehr gut Kritik annehmen kann: Er kann verständlich erklären, wo er Verbesserungspotenzial sieht und als alter Hase weiß er auch, worauf zu achten ist. Mir scheint, für ihn war das eine genauso große Herausforderung, wie für mich. Nachdem ich ihn gebeten hatte, SUPER kritisch zu sein, hat er auch wirklich zu jedem Satz der zehn Seiten eine Anmerkung gemacht. Das war für ihn viel Arbeit und für mich dann auch, als ich die Anregungen integriert habe. Aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Bereits nach Runde 1 finde ich den Text viel besser und runder als vorher! Auch die empfohlene zweite Feedback-Runde läuft ziemlich problemlos. Ich bekomme noch gesagt, was denn alles gut sei am Text *freu* und noch ein paar kleine Anmerkungen, die ich auch als sinnvoll erachte und deshalb einbaue.

Phase 2 – Versenden und Lesen:

Es geht in Phase 2 des Experiments. Jetzt müssen alle Workshopteilnehmer meinen Beitrag lesen, auch ich bekomme die Beiträge der anderen zwei Schäfchen zum intensiven Lesen. Dadurch, dass ich weiß, wie viel Arbeit bereits im Artikel steckt, lese ich die Texte noch aufmerksamer als sonst und mache mir Notizen für den Workshop. Die zwei Texte, die ich reviewen muss, sind sehr unterschiedlich: beim einen geht es um ein Dissertationsvorhaben, beim anderen um ein fertiges Kapitel einer Promotionsarbeit.

Phase 3 – Präsenzsitzung:

Es folgte das Kolloquium, in dem die Texte besprochen wurden. Ich hatte die Ehre, als Erste anzutreten. Nachdem ich kurz in den Text eingeführt hatte und einige kleinere Fragen zum Kontext und Inhalt geklärt waren, musste ich die Runde verlassen und mich von den anderen abwenden. Das Ganze soll bezwecken, dass die nun folgende Diskussion sich nicht auf mich als Person konzentriert, sondern auf der Sachebene am Text orientiert ist. Ich hatte mir die Situation sehr seltsam vorgestellt, aber wider Erwarten war das echt ein gutes Erlebnis! Oft sagt man ja „da wäre ich gerne Mäuschen gewesen“: zu hören, wie die anderen meinen Text beurteilen, konstruktive Vorschläge machen und über einzelne Passagen diskutieren – spannend! Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt angegriffen oder „ungerecht“ behandelt gefühlt. Zwar musste ich wohl gelegentlich lachen oder den Kopf schütteln, weil ich da erst gemerkt habe, dass das, was ich im Text ausdrücken will, noch nicht präzise genug argumentiere – aber auf persönlicher Ebene war das ziemlich relaxed. Irgendwann durfte ich den Kreis dann wieder betreten und noch letzte Fragen klären. Ganz offiziell wird dann nochmal gedankt, dass man den Text mit den anderen geteilt hat. Aber auch ich will mich bedanken, weil ich gemerkt habe, dass die anderen Teilnehmer sich wirklich intensiv mit dem Text auseinandergesetzt haben und Sachen aufgekommen sind, die ich einfach gar nicht mehr gesehen habe. Die Sitzung war fordernd aber mir hat das wirklich was gebracht. Ich kann deshalb Leuten, die (wissenschaftlich) schreiben, nur dazu raten, so etwas auch mal zu organisieren und durchzuführen. Wenn man sich darauf einlässt, hat man einen großen Nutzen davon. Gabi hat auch schon gebloggt – hier gibt es den Beitrag zum Nachlesen.

Für mich geht es jetzt noch darum, die Anmerkungen noch zu überdenken und dann in den Text einzubauen. Ein Teilnehmer hat mich nach dem Kolloquium gefragt, „ob ich denn jetzt noch was ändern werde“. Ja klar! Die Ideen waren teilweise wirklich sinnvoll und total nachvollziehbar. Es wäre ja Irrsinn, das zu ignorieren…