„Du bist nicht von hier, oder?“

Es ist lange still in diesem Weblog gewesen. Für mich hat Bloggen ja immer auch etwas mit Katharsis zu tun und es gab dann einfach Momente, die man gerne mit anderen teilen möchte. Oder muss. Je nachdem, wie dringlich das Anliegen war. Zu Beginn dieses Jahres hat mich wohl mein Umzug nach Hamburg am meisten beschäftigt. So viele neue Eindrücke, Gesichter, Erfahrungen. Und ich bin immer noch gern hier. Nein, eigentlich ist das falsch ausgedrückt: Ich liebe es!! Jeden Tag entdecke ich mehr von dieser tollen Stadt und ich glaube schon, dass ich ziemlich gut im Auskundschaften bin. Zum Abschied habe ich ein Buch mit dem Titel „100 Dinge, die man in Hamburg erlebt haben muss“ geschenkt bekommen. Irgendwie habe ich es geschafft, fast alle 100 Sachen besucht, erlebt oder erkundet zu haben. Besonders schön finde ich es immer, wenn ich Hamburgern (ob waschecht oder schon länger hier lebend) noch das ein oder andere Highlight zeigen kann, das sie noch nicht kennen. Auch toll ist, wie die alten Hamburger Hasen sich immer wieder Mühe geben, mir (für sie wahrscheinlich todlangweilige) Hamburger Sehenswürdigkeiten zu zeigen.

Es ist ein bisschen so, als hätte ich im Januar auf GoogleMaps nach „Hamburg“ gesucht und einen grob schematischen Plan dieser Stadt im Kopf gefunden. Mittlerweile habe ich den Maßstab angepasst, kann hinein- und herauszoomen und bewege mich weit entfernt vom Touri-Dasein. Jeden Tag gibt es einen Farbklecks, einen Straßenzug oder eine Location mehr auf meinem mentalen Stadtplan, der für mich Hamburg ausmacht.

Meinen Dialekt kann ich immer noch nicht verbergen – will ich auch gar nicht.  Trotzdem gewöhnt man sich im Norden an, vergangene Ereignisse eher im Präteritum als im Perfekt auszudrücken. Tut auch gar nicht weh. Schmunzeln muss ich, wenn neue Bekannte hier versuchen, Augsburgerisch zu sprechen und z.B. „was magsch denn trinken“ sagen. Herrlich. Der zusammengekniffene Gesichtsausdruck, als müssten sie in eine Zitrone beißen und gerade Swahili sprechen ist unbezahlbar. Aber sie geben sich Mühe – und das ist großartig. Oft haben die Nordlichter arges Mitleid mit mir, wenn, wie in diesem Sommer, das Wetter eher mau ist. Ich find es gar nicht schlimm. Wegen des Wetters bin ich nicht hierhergezogen. Und was bringt mir die Sonne im Süden, wenn ich dafür auf den Blick auf die Elbe verzichten muss?

Ich mach dann hier mal weiter. Und bemühe mich, mein Weblog wieder ein bisschen netter zu behandeln. Aber so richtig „raus“ muss grad nix. Ist vielleicht ja auch nicht schlecht.

Agenturleben

Bei meinem Vorstellungsgespräch wurde ich gefragt, warum ich denn gerne in eine Agentur möchte. Die Frage allein zeigt schon ganz gut auf, dass das Selbstbild einer Agentur sich von dem eines Unternehmens unterscheidet. Damals habe ich geantwortet, dass es für mich keinen Unterschied macht, ob ich in einem Unternehmen oder einer Agentur arbeite – Geld verdienen wollen schließlich alle und hart gearbeitet wird wohl überall. Für mich lag der Unterschied, den man an der Oberfläche wahrnimmt, in der Kultur: Meine Vermutung war, dass das gemeinsame Arbeiten und die Dynamik sich doch von einem Konzern unterscheiden müssten. Tja, what can I say… nach drei Monaten Agenturleben, kann ich sagen, dass mich mein Gefühl nicht getäuscht hat.

Grundsätzlich sind alle per Du. Egal, ob Vorstand oder Praktikant, jeder spricht sich mit Vornamen an. Oft gibt es ja das Argument, dass man mit einigen Leuten gar nicht per du sein will. Da hat ja jeder seine eigene Meinung, ich kann nur sagen, bei uns funktioniert das sehr gut und ich habe auch nicht das Gefühl, dass das fehlende SIE mit einem mangelnden Respekt einhergeht. Ganz im Gegenteil. Außerdem kenne ich das auch schon in Teilen von der Uni – da haben auch schon immer einige verwundert geguckt, als sie hörten, dass ich als Hiwi meine Professorin mit „Du“ anrede.

Dadurch, dass die Belegschaft aus jungen und jungebliebenden Leuten besteht, muss ich manchmal schon überlegen, ob ich jetzt noch in der Arbeit bin… Eine Tischtennisplatte und ein Kickertisch für die Belegschaft, jeden Morgen Frühstück und zwischendurch andere kleine oder größere Events, die uns bei Laune halten. Wir arbeiten hart und viel, aber dafür wird auch versucht, den Arbeitsalltag so nett wie möglich zu gestalten. Wenn an Ostern 200 Schokohasen auf die Mitarbeiter warten und es dazu – Überraschung!! – ein Osterfrühstück gibt, dann ist das schon nicht selbstverständlich.

Wer über den neuesten Schabernack auf dem Laufenden gehalten werden will, der kann ja mal hier vorbeigucken: Radicalmonday.

Also, Fazit: Agentur kann ich auch. Obwohl ich zugeben muss, dass ich es auch nicht schlimm fand, als meine Chefin neulich meinte: „Du bist halt nicht so ein Agenturmäuschen.“ Stimmt nämlich, Mäuschen kann ich nicht. 😉

Wirtschaft vs. Wissenschaft

Seit zwei Monaten (unfassbar!) bin ich nun also in den „Klauen der Wirtschaft“ (ich glaube so oder ähnlich hat es Gabi mit einem Augenzwinkern mal ausgedrückt, ich will sie aber nicht falsch zitieren, deshalb liegt die Betonung auf  „ich glaube“) und ich muss sagen: Mir gefällt es sehr gut!

Es ist schon etwas anderes, wenn man für die tägliche Arbeit relativ zeitnah und unmittelbar Feedback vom Kunden oder vom Team erhält.  In der Wissenschaft arbeitet man oft Wochen, Monate oder Jahre auf ein Ergebnis hin, von dem man oft auch zudem gar nicht weiß, wie das im Detail aussieht. Ergebnisorientierung liegt beiden Disziplinen zugrunde, aber der zeitliche Fokus ist m.E. doch stark unterschiedlich. Was mir gut gefällt, sind die gefühlt kürzeren Entscheidungswege und -zyklen. Während man an der Uni zu großen Teilen auf das Schreiben von Anträgen angewiesen ist, wo man heute festlegt, welche Ressourcen man für ein potenzielles Projekt in X Monaten braucht, passiert es mir in meiner derzeitigen Arbeitsstelle oft, dass ich morgens etwas plane oder vorschlage und zwei Stunden später in die konkrete Umsetzung gehen kann. Einschränkend muss man natürlich sagen, dass es auch vom Unternehmen und den dortigen hierarchischen Strukturen abhängt, wie Entscheidungen getroffen werden. In anderen Firmen können Entscheidungsprozesse wahrscheinlich noch länger dauern, als die Antragstellung bei der DFG o.ä. Institutionen.

Auch der konkrete Ablauf eines Arbeitstages hat sich doch ganz schön geändert: An der Uni kann man gerne mal einen ganzen Tag denkend über einem Blatt Papier verbringen und sich seinen Gedanken zu Problemstellungen hingeben. Mein jetziger Arbeitstag ist dagegen geprägt von Meetings, Telkos, Kundenterminen und Projektsteuerung. Beide Formen des Arbeitens haben ihre Berechtigung. Jetzt werden sicher die Kollegen aus dem Wissenschaftsbereich einwerfen, dass sie genauso Skype-Konferenzen etc. abhalten. Kenne ich ja alles gut. Aber mit der Intensität und der Zielorientierung (Zeit ist Geld 😉 ) wie ich es jetzt kennengelernt habe, ist das allerdings nicht zu vergleichen.

Aber in meinem Herzen bin ich natürlich immer noch stark mit der Wissenschaft verbunden, auch wenn mir im Alltag (gerade jetzt in der „Neuorientierung“) ein bisschen die Zeit fehlt. Deshalb habe mich aber sehr gefreut, dass ich durchaus meine Kompetenzen aus meinem „Wissenschafts-Alterego“ im Berufsalltag anwenden kann (u.a. habe ich ein Usability Lab organisiert). So kann ich beide Leidenschaften verbinden und verliere nicht komplett den Anschluss zu Forschung und Lehre.

Nord-Süd-Gefälle?

In der neuen (permanenten) Bleibe angekommen, kann hier so langsam der Alltag wieder einkehren. Dabei ertappe ich mich, wie ich meine Kollegen mit „Moin!“ grüße, statt Guten Morgen zu sagen…Ist das eine Form von Integration? Wahrscheinlich. Nachdem ich verwirrte Blicke erntete, als ich mit einem „Morgen!“ ins Büro gestiefelt bin, habe ich mich an die Lektionen des „Lernen duch Beobachtung“ (–> Bandura) erinnert und geguckt, wie es denn die anderen Kollegen machen. „Moin“ erwies sich bei den anderen als das Schlüsselwort für ein Lächeln am Morgen. Am nächsten Tag habe ich das gleich ausprobiert. Tadaaaa! So einfach kann das sein. 🙂

Es sind die Kleinigkeiten, die den Norden vom Süden trennen. Man muss permanent die Augen aufhalten, um die Unterschiede zu sehen. Ein Beispiel: Irgendwann fragte ich mich, ob es denn irgendwo in Hamburg auch Fenster mit Rolladen gibt. Ohne Witz, ich habe noch keine einzige Bude gesehen, die so ausgestattet war. Ich sprach meine Kollegin an, ob es eventuell sein könnte, dass hier Rolläden nicht so üblich sind. Wieder verwirrte, dann nachdenkliche Blicke, dann: „Stimmt. Ist mir noch nie aufgefallen.“ (Btw: Irgendwie musste ich an Holländische Wohnzimmer denken…) Warum das so ist, konnte sie mir auch nicht erklären. Wenn jemand eine Lösung weiß, bitte ich um Aufklärung.

Mit einem Mythos möchte ich noch aufräumen: Angeblich ist es im Süden ja wettertechnisch immer sooooo viel schöner als im Norden. Also…ich weiß ja nicht, aber bis auf zwei heiße Wochen, habe ich einen eher bescheidenen Sommer 2010 im Süden in Erinnerung. Okay, noch ist nicht Sommer, aber es hat seit mindestens 2 Wochen nicht einen Tropfen in Hamburg geregnet. Stattdessen: Sonne pur. Das mag vielleicht an der allgmeinen Hochwetterlage liegen, aber aus sicheren Quellen wurde mir von grauer Suppe in der Heimat erzählt. Es gilt wohl –  wie so oft – die Aussage: Pauschalurteile helfen nur bedingt. Und als Beweis gibt es ein Foto von der Elbe…

Neuentdeckungen.

Jetzt bin ich also hier in der neuen Stadt und im Moment fühle ich mich, als hätte irgendjemand den Turbogang in meinem Leben eingeschalten. Drei Wochen im neuen Job sind fast vorbei und außer zum Arbeiten und zum Schlafen bin ich noch nicht zu sehr viel gekommen. In meinen freien Phasen bin ich gut mit dem Organisieren meines Umzugs beschäftigt. Ich will ja hier wirklich nicht wieder die Story vom Telefonanbieter erzählen, aber mir scheint, dass man da PER SE Ärger hat, insofern es eigentlich auch egal ist, wen man sich aussucht. Ist quasi die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Viel lieber möchte ich eigentlich davon berichten, was ein Wohnortwechsel so mit sich bringt. Ich habe ja immer behauptet, dass ich in Augsburg quasi jeden Pflasterstein kenne, und das hat mich ehrlich gesagt ziemlich genervt. Die Heimat ist wirklich wunderschön, aber ich stelle jetzt wieder fest, dass es dem Menschen ganz gut tut, neue Eindrücke zu gewinnen. Vor allem nimmt man diese neuen Eindrücke ganz anders und viel bewusster wahr. Am Samstag bin ich auf einer meiner fröhlichen Erkundungsfahrten durch Billstedt gefahren. Ist in Hamburg nicht  gerade ein beliebter Stadtteil, liegt aber zwischen Möbelhaus und meinem derzeitigen Wohnort. Fliegen kann ich noch nicht (ich arbeite hart daran 😉 ) und deshalb gings quer durch diesen Stadtteil. Und was sehe ich: Einen Rübezahlweg, eine Prinzenstraße, einen Rosenrotweg, Aschenputtelstraße…Wie cool ist das denn?? Und da musste ich mich schon fragen, warum mir das daheim gar nicht mehr auffiel. Gibt es denn zuhause auch so schöne Straßennamen? Ich weiß es nicht – irgendwie war es auch nicht so wichtig. Aber dadurch, dass hier quasi alles neu ist und man jeden neuen Eindruck gleich anders verortet, nehme ich solche Kleinigkeiten viel stärker auf. Der Vergleich hinkt sicher, aber es ist fast wie ein Blinder, der auf einmal wieder Farben sehen kann und sich an Sachen, die wir anderen täglich sehen, erfreuen kann, wie ein Kind an Weihnachten. Jetzt muss ich mir nur noch vornehmen, dass ich diese täglichen Neuentdeckungen nicht wieder zu Selbstverständlichkeiten „verkommen“ lasse! Aber ich denke, bei dieser großen Stadt, ist zumindest die Chance  größer, dass es länger dauert, bis eine Art Sinnessättigigung eintritt! Ich werde mich jedenfalls weiter beobachten – und alles um mich herum auch…

Lektion 4: DSL loswerden ist auch nicht so einfach.

Nach drei Jahren Abstinenz vom Umzugsrummel, ist es wieder soweit. Ich habe die Kisten gepackt und wechsle die eigenen vier Wände. Die Abschiedsparty ist gefeiert (Motto: „Bye Bye Bayern“). Die Wand erstrahlt wieder in reinstem Weiß und die Klingelschilder sind entfernt. Als ich in meine Wohnung eingezogen bin, dachte ich noch, Teppiche und DSL bekommen wären Herausforderungen. Pah! Anfängerkram! Ich brauchte eine Challenge! Innerstädtische Umzüge kann ja jeder! Also, mal eben auf der Deutschlandkarte geguckt und zack…Hamburg! Ich höre meine innere Stimme rufen: „Einmal quer durchs Land – nimmst du die Herausforderung an?“

Tue ich natürlich. Und irgendwie hab ich nun ein deja-vu: Habe ich vor drei Jahren noch darum gekämpft, dass ich eine Telefonleitung bekomme, so weigerte sich der nette Telefonanbieter nun, mich aus dem Vertrag zu lassen (Stand: Anruf 1-3 bei der Hotline). Die Leitung müsse umziehen. Okay. Machen wir. Bei Anruf 4 bei der Hotline, der dazu diente, zu fragen, wann sie denn die Leitung in Augsburg abschalten, damit der Nachmieter sich einen eigenen Anbieter suchen kann, dann die Nachricht, dass DAS nun wirklich nicht ginge, so lange ich keine Umzugsadresse mitteile. Okay, eine feste Wohnung habe ich aber noch nicht, weshalb ich auch nix umziehen kann. Ja dann, so die nette Dame am Telefon, hat der Nachmieter Pech gehabt. Ich bin ja ein sozialer Mensch, sowas geht ja nicht. Anruf 5 und 6 bringen dann endlich die Lösung (die zu komplex ist, um sie hier zu beschreiben, bei Bedarf erkläre ich sie gerne im Einzelgespräch). Zuerst lassen sie dich nicht telefonieren und dann lassen sie dich nicht nicht telefonieren. Verrückt.

Dass ich jetzt nicht mehr telefonieren darf, kostet natürlich auch Geld – der Leitungsumzug hätte das aber auch. Insofern: win-win für die Telefongesellschaft! Jetzt werde ich einen Monat festnetz-fasten, um mich dann – ich ahne es schon – nächsten Monat wieder dem üblichen bangen, hoffen, warten eines Neuanschlusses zu widmen.