Didacta in Köln

In den letzten Jahren habe ich die Didacta immer in der Medienberichterstattung oder durch Berichte in Blogs etc. verfolgt. Diesmal wollte ich auch einmal live dabei sein. Im Moment findet in Köln die Bildungsmesse statt und nachdem ich mir am ersten Tag erst einmal einen Grobüberblick verschafft habe konnte ich am Mittwoch einige Sachen, die im Rahmen des Hochschultages stattfanden, erleben. Los ging es in der Früh mit der Podiumsdiskussion zum Thema „Sich verändernde Lernorte in Schule und Hochschule – digitale Medien für Lehre, Prüfungen und Publikationen“. Ein langer Titel, der viele Felder für Diskussionen öffnet und die auch in der tatsächlichen Diskussion angesprochen wurden. Die Grußworte wurden nicht wie angekündigt von Prof. Dr. Pinkwart, sondern von Harmut Becker, einem der Vorstände des Didacta Verbandes gesprochen. Dabei äußert er sich äußerst kritisch darüber, dass die Politik der Bildungsmesse nur so wenig Aufmerksamkeit schenkt. Beispielhaft führte er an, dass er es unverständlich findet, wenn Kanzlerin Merkel die Spielwarenmesse eröffnet, aber für das Thema Bildung keine Zeit hat.

Die Diskussion selbst wurde moderiert von Matthias Degen und geladen waren Gabi (Reinmann) und Roland Reuß (Uni Heidelberg) als Vertreter der Universitäten und Hans Ruthmann (Direktor einer Gesamtschule) und Alfons Rissberger (Gründungsvorstand D21) von Seiten der Schulen.

Langweilig wurde es auf diesem Podium nicht, da alle Beteiligten sehr unterschiedliche Positionen vertraten. Rissberger wurde nicht müde zu betonen, wie wenig die Politik doch für Bildung macht. Man konnte merken, wie stark ihn diese Themen beschäftigen und dass er absolut nicht nachvollziehen kann, wieso der technische Fortschritt keinen Einzug in (Hoch-)Schulen hält. In einem Punkt konnte ich ihm nicht zustimmen: Seiner Aussage nach, können „höchstwertige“ Simulationen echte Emotionen auslösen und somit die Realität ersetzen. Das finde ich etwas grenzwertig, denn meiner Meinung nach geht hier nicht um den kompletten Ersatz klassicher Medien, Methoden und Vorgehensweisen durch digitale Medien sondern um sinnvolle Ergänzung und gezieltem Einsatz an richtiger Stelle.

Reuß, ein Literaturwissenschaftler hatte aus meiner Sicht eine sehr eingeschränkte Sichweise von Digitalisierung. Eine PDF in der Vorlesung zur Veranschaulichung heranzuziehen, so schien mir, ist für ihn schon eine extreme Neuerung. Da ist mir wieder bewusst geworden, dass man wirklich über den Tellerrand blicken muss. Was für uns total normal ist (Blogs, Twitter, you name it) ist für andere überhaupt noch nicht in der Lebenswelt angekommen und was für mich von vorgestern ist, sehen andere noch als digitale Revolution. Meine Lieblingsaussage von ihm hat er im Kontext von Typografie und Entwicklung der Sprache genannt: Dabei bezieht er sich auf Spiegel Online und behauptet, dass die dort alle „partielle Analphabeten“ sind. Wunderbar.

Als sehr reflektiert habe ich Herrn Ruthmann empfunden, der über den Einsatz von Notebooks an seiner Schule berichtete. Er sieht den Rechner nicht als Ersatz für das Buch, sondern „lediglich“ für ein Arbeitsgerät. In seiner Schule werden die Eltern aktiv einbezogen und z.B. auch gefragt, ob sie wollen, dass ihr Kind in eine Notebookklasse geht (die Schule wird wohl überrannt…alle wollen). Für mich ein Praktiker, der an passender Stelle kommentiert hat und sich ansonsten angenehm zurückhielt.

Gabi wurde gleich mal mit dem Vorlesungsblog vorgestellt (nachdem der Moderator ihr Weblog falsch benannt hatte…) und gab aber zu bedenken, dass es eben nur ein Beispiel oder ein Versuch für ein mögliches Szenario ist, das unter anderen Bedingungen anders laufen kann. Sie plädierte für eine Koexistenz von Neuem und Klassischem und sieht dieses Nebeneinander nicht als Widerspruch. Wo bringt der Einsatz was, wo nicht? Neben  Ruthmann war Gabi (wie gewohnt) die unaufgeregteste Person in der Diskussion. Man hat gemerkt, dass das Thema emotionsgeladen ist, vor allem, weil die Personen vor anderen Hintergründen argumentierten.

Fazit zur Diskussion: Auf jeden Fall gut gewählte Redner, die sich nicht scheuten, ihre Meinung sehr offen und direkt zu äußern und das Gespräch im Gang zu halten.

Allgemeines Fazit zur Didacta: Ich war schockiert, welche Massen von Lehrkräften sich dort durch die Hallen schieben, um sich von diversen Schulartikelherstellern beschenken zu lassen. Die Leute kommen da mit Trolleys angereist, um die ganzen Give-Aways zu verstauen und bequem von einer Halle zur nächsten zu bekommen. Sowas habe ich noch nicht erlebt, ehrlich. Das Angebot ist überwiegend so gestaltet, dass es auch zu meiner Schulzeit aktuell hätte sein können (Bücher, Stifte etc.) – von einigen Ausnahmen abgesehen. Beim Forum eLearning war überwiegen NIX los – fand ich schade. Leider war es auch räumlich in eine Ecke verschoben worden, so dass die Besuchermassen dort gar nicht hingelotst wurden. Einige Stände waren sehr gut besucht und konnten sich schier gar nicht vor den Massen retten, während andere Stände (z.B. Bayerisches KuMi) vereinsamt waren. Muss man mal gesehen haben.

Update: Interessante Berichte gibt es auch bei Gabi und Joachim.

7 Kommentare zu “Didacta in Köln

  1. […] Messe als solches deshalb nur ein paar Impressionen (Ergänzendes bei e-teaching.org, bei Gabi und Tamara). Es ist nach wie vor primär eine LehrerInnenmesse; die  erfahrenen Jäger und Sammler sind zu […]

  2. Alex sagt:

    Hallo Tara,
    danke für die gute Zusammenfassung der Diskussion, Gabi hat dazu auch schon einen Blog-Eintrag verfasst.
    Witzig finde ich vor allem, dass du am Ende noch ein paar mir nicht unbekannte allgemeine Eindrücke schilderst 🙂
    Liebe Grüße,
    Alex

  3. Ralf sagt:

    Hmm, auch bei Dir finde ich keine Hinweise auf die schon bei Joachim angefragte „sinnvolle Integration von Facebook & Co in den Unterricht“. Ist Dir da was über den Weg gelaufen oder gab es das vielleicht gar nicht?

    • taragramm sagt:

      Hallo Ralf,

      nee Du..ich hab nichts entdeckt. Ich weiß, dass Christian Spannagel am Stand von Schulen ans Netz die Integration von Twitter vorgestellt hat, aber ich war leider da noch nicht auf der Messe. Ansonsten ist mir jedenfalls nichts aufgefallen. Wenn es doch was gab, haben sie sich jedenfalls sehr zurückgehalten. 😉

      LG Tara

  4. […] Einige Blogger haben nun von Ihren diesjährigen Didacta-Erfahrungen berichtet: Gabi Reinmann, Joachim Wedeking und Tamara Bianco. […]

  5. […] > Tara’s Webblog kann lesen: “Rissberger wurde nicht müde zu betonen, wie wenig die Politik doch für Bildung […]

  6. Der Heidelberger Appell, abgepellt:
    http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=6906

    Roland Reuss Redux: Der Heidelberger Appellant läutet weiter:
    http://openaccess.eprints.org/index.php?/archives/735-guid.html

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