Digitales Ich

Ein weiterer interessanter Vortrag im Rahmen der re:publica fand gestern (Dienstag) nachmittag statt. Unter dem Schlagwort „Digitales Ich“ hat Tina Günther, die den Sozlog betreibt über das Selbstbild des Users im Netz berichtet.

Mit dem Schlagwort „Signalling“ wird beschrieben, was das Individuum alles anstellt um sich der Netzwelt als „vertrauenswürdiger Akteur“ zu präsentieren. Dabei sind Faktoren, wie beispielsweise das äußeres Erscheinungsbild oder die verwendete Sprache entscheidend. (Wer es ausführlicher will, kann hier die Präsentation sehen.) Günther sieht das virtuelle Ich nicht als Parallelidentität zum realen Ich, sondern als Ergänzung. Sie warnt davor, das Online-Leben zu problematisieren und Ängste zu schüren. Vielmehr sei es Chance, Kreativität zu üben. Der Einzelne erhält die Möglichkeit seine Biografie zu formen und durch Selektion bestimmte Informationen eben nicht zugänglich zu machen.

In genau diese Kerbe schlägt auch ihre Nachfolgerin auf der Bühne: Christiane Link. Diese ist Journalistin, die in England die einzige deutschsprachige Zeitung herausgibt und im Rollstuhl sitzt. In ihrem Blog berichtet sie über ihr Leben mit Behinderung. Link vertritt die Meinung, dass sie als Blogger die Freiheit hat, zu bestimmen, über was sie gerne berichten will. Ihr Statement: „Ich berichte nur, was ich auch jedem auf der Straße erzählen würde.“ Wenn Leute vom behindertengerechten Haus Fotos im Weblog sehen wollen, lehnt sie dies ab: „Ich lade ja auch nicht jeden zu mir nach Hause ein und führe ihn im Haus herum.“ Stimmt natürlich. Trotzdem gesteht sie, dass durch die Popularität des Weblogs die Trennung zwischen realem und digitalem Ich zusehends schwieriger wird und wurde. Eine Aussage von ihr teile ich nicht ganz: Sie sagt, als Arbeitgeber wäre ihr es egal, was ihre Mitarbeiter am Wochenende treiben und wenn von diversen Party-Exzessen Fotos im Netz zu finden sind, sei das die Privatsache des Einzelnen. Ihr Ansicht in allen Ehren, aber ich glaube dennoch, dass es Arbeitgeber gibt, die hier nicht ganz so cool reagieren. Eine Stimme aus dem Publikum behauptete zwar, dass neuste Untersuchungen widerlegen würden, dass Chefs Recherche betrieben und solche „Ausfälle“ negativ für die Karriere wären. Ok, bin ich skeptisch, vielleicht kann mal jemand die Quellen nennen, dann sehen wir weiter. Vor allem sendet das ein falsches Signal an die jungen Menschen, die ihre Medienkompetenz und den Umgang mit persönlichen Daten erst lernen müssen. Zu sagen, es sei ohnehin egal, was man im Netz über sich verbreitet, halte ich hier für gefährlich.

Übrigens: Die re:publica kooperiert ja mit der Aktion Mensch und (ich schätze) in diesem Rahmen wurden gestern die meisten Vorträge simultan in Gebärdensprache übersetzt. Unglaubliche Leistung von den Übersetzern und wirklich eine super Idee!

2 Kommentare zu “Digitales Ich

  1. christiane76 sagt:

    Mir ging es weniger darum zu sagen, dass es Arbeitgebern grundsätzlich egal ist, was ihre Mitarbeiter so treiben, sondern darum, dass die Menschen mal wieder mehr zu dem stehen sollen, was sie tun. Wenn ich meine, es sei in Ordnung, ständig zugedröhnt in der Ecke zu liegen, dann muss man auch dazu stehen können – ganz unabhängig davon, ob der AG das sieht oder nicht. Wenn ich das nicht kann, sollte man darüber nachdenken, das Verhalten zu ändern. Es geht mir um Verantwortung und Vertrauen, aber nicht nur im Internet, sondern vor allem im Real Life. Ich verstehe nicht, warum so wenige Menschen zu dem stehen, was sie denken, tun, fühlen, meinen. Wer sich um 180 Grad verbiegt, um einem potenziellen AG zu gefallen, wird nicht lange glücklich sein im Job.

    • taragramm sagt:

      Hallo Christiane,

      natürlich sollen die Menschen zu dem stehen, was sie tun. Und ich glaube ein halbwegs gesellschaftlicher Mensch kann sehr wohl zwischen seiner Person im Berufsleben uns seiner Person im Privatleben unterscheiden. Du sagst ja selbst, dass du nicht alles preisgibst, was es über die potenziell zu erzählen oder sehen gäbe. Wenn ich meine Arbeit gewissenhaft erledige und am Wochenende Spaß habe geht das meinen Arbeitgeber sicherlich nichts an, aber ich denke schon, dass man auch ein bisschen realistisch bleiben muss. Manche Situationen oder Bilder von diesen stellen sich ex post vielleicht anders da, als es in der Realität tatsächlich war. Dann hat das nichts mit verbiegen zu tun, sondern einer ungünstigen Verzerrung von Tatsachen, die demjenigen dann eventuell nachteilig ausgelegt werden könnten. Wir hatten gerade heute beim Mittagesssen diese Diskussion und da wurde eben auch gesagt, dass es doch für einen Arbeitnehmer spricht, wenn er auch privat ein Leben hat und Freude etc. Jeder Arbeitgeber wünscht sich doch einen ausgeglichenen Mitarbeiter, oder? Ich fand eigentlich eher die Stimme aus dem Publikum irritierend, die eben auf Studien verwies, die hier eindeutige Ergebnisse liefern sollen, dass AG nicht interessiert sind am Privatleben ihrer Mitarbeiter. Ich glaube ehrlich nicht, dass das für die breite Masse zutrifft – gerade wenn es um die Neueinstellung geht.

      Viele Grüße,
      Tamara

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